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Zwischen Bierseligkeit und Alltag

Zum achten Mal findet in diesem Jahr vom 6. bis 8. August das "Internationale Berliner Bierfestival" auf der Frankfurter Allee in Friedrichshain statt. Wie die Initiatorin des Festes, die "Präsenta GmbH", bekannt gab, werden auch in diesem Jahr etwa 700.000 Besucher an den Ständen von über 230 Brauereien dazu verlockt, sich einem hemmungslosen Alkoholkonsum hinzugeben. Traditionell kommt es bei dieser Massenwerbeveranstaltung zu gewalttätigen Übergriffen.

Neonazis auf der "Biermeile"

Während in den vorangegangenen Jahren die "längste Theke der Welt" des Berliner Bierfestivals durch den "Odin Trunk", den Treffpunkt für Neonazis, komplettiert wurde, ist den Betreibern des Bierstandes die Teilnahme 2004 offiziell untersagt. Am "Odin Trunk", der seit mindestens drei Jahren einen festen Treffpunkt für die organisierte und unorganisierte Naziszene Berlin-Brandenburgs darstellt, wurden neben dem obligatorischen Gerstensaft auch Devotionalien mit germanischem Bezug verkauft. Nachdem es 2002 am, mit kontinuierlich etwa einhundert offensichtlichen Neonazis gut besuchten Stand, zu Schlägereien zwischen den rechtsextremen Besuchern und der Polizei kam, kamen die OrganisatorInnen der Biermeile nicht umhin, dem "Odin Trunk" den Ausschank für 2003 zu untersagen. Jedoch vergeblich. Die Betreiberin des Standes, die neubrandenburgische Imkerei Schwaßmann, welche offensichtlich um die Popularität seines Nazitreffs wusste, blieb hartnäckig. Offensichtlich war es den VeranstalterInnen des Festivals nicht allzu ernst mit ihrem Verbot - der Stand
wurde nicht geräumt.

Vom diesjährigen öffentlich bekannt gegebenen Verbot versprechen sich die VeranstalterInnen offensichtlich eine nicht mehr allzu auffällige Präsenz organisierter Neonazis. Doch selbst wenn der Fixpunkt "Odin Trunk" wegfallen würde und die Rechtsextremen sich nicht mehr lokalisieren ließen - das Problem gewalttätiger Übergriffe und aggressiver Pöbeleien bleibt. Die offizielle Erklärung des Geschäftsführers der veranstaltenden "Präsenta GmbH", Lothar Grasnick, zeigt, dass die VeranstalterInnen weit davon entfernt sind, sich explizit gegen die rechten Übergriffe zu positionieren. Grasnick sagte, man sei "an politischen Inhalten ob links oder rechts nicht im Mindesten interessiert.
Dies ist auf dem Fest unerwünscht." In einer solch "toleranten" Atmosphäre jenseits politischer Grenzen ist es nicht verwunderlich, wenn an der längsten Theke der Welt bierseliges Einverständnis herrscht. Der Otto Normalverbraucher betrinkt sich ohne Scheu gemeinsam mit den braunen Kameraden.

Rechte Positionen sind nicht nur Neonazis vorbehalten

Die paar hundert offensichtlichen Neonazis, die das Fest besuchen werden, sind Teil eines größeren Kontexts: Rassismus, Antisemitismus und Sexismus sind tief in der Gesellschaft verankert. Neonazis und ihre Gewalttaten sind nur der extreme Ausdruck dessen, was ohnehin viele denken und bei Gelegenheiten wie der "Biermeile" gerne äußern. Rechte Positionen sind keinesfalls eine gesellschaftliche Randerscheinung, sondern werden gerade auch aus der Mitte der Gesellschaft heraus vertreten. Dies zeigt sich zum Beispiel an der öffentlichen
Debatte um das Zuwanderungsgesetz, die deutlich rassistisch geprägt ist. Die Verwertbarkeit von MigrantInnen für die deutsche Wirtschaft ist zentral für die Bewilligung der Aufenthaltserlaubnis, während die prekäre Lage der meisten Flüchtlinge als Einwanderungsgrund weiter zurückgedrängt wird. So wundert es nicht, dass der deutsche Staat unverändert mit "Folterstaaten" wie Togo oder China kollaboriert; die Flucht vor Armut oder die unter Deutschen als völlig verständlich empfundene Suche nach dem besseren Leben wird bei Flüchtlingen aus ärmeren Staaten als "Wirtschaftsflucht" denunziert. Damit nicht genug, gibt es ein immer weiter anwachsendes Internierungssystem am Rande der Städte und in
vielen ländlicheren Gegenden, durch das nach Deutschland geflüchtete Menschen bestraft, eingesperrt, psychisch gebrochen und schließlich doch abgeschoben werden.

Auch im multikulturellen Konsens werden vermeintliche Unterschiede zwischen "deutsch" und "fremd" betont. In populären Massenevents wie dem "Karneval der Kulturen" drückt sich positiver Rassismus aus, der ebenfalls auf althergebrachte Stereotypen zurückgreift - die Aufmachung der Stände schwarzafrikanischer Anbieter beispielsweise befriedigt nicht nur die Lust am Exotischen, sondern reproduziert eben auch das Bild vom primitiven Schilfhüttenbewohner. Als nicht-deutsch eingestufte Menschen werden wegen ihrer vermuteten Herkunft oder
wegen ihres Aussehens Eigenschaften zugeschrieben aufgrund derer sie diskriminierbar werden. Ähnlich freundlich rühmt sich die "Biermeile" ihres weltoffenen Charakters. Als besondere Attraktion gelten exotische Biere, wie das Thai-Bier aus Südostasien. Menschen, die aufgrund ihres Äußeren der selben Region zugeordnet werden, sollten einen Besuch der "Biermeile" jedoch vermeiden, da sie fürchten müssen, als potentielles Ziel für rechte Angriffe ausgemacht zu werden.

Übergriffe gehen auch von "normalen" Bürgerinnen aus

Obligatorische "Begleiterscheinung" des Bierfestivals werden auch in diesem Jahr wieder eine Reihe von tätlichen Übergriffen sein, die nicht selten politisch motiviert sind. Damit wird Friedrichshain, das ansonsten als "alternativer" Stadtbezirk gilt, an diesen Tagen wieder zur Gefahrenzone für all diejenigen werden, welche die entsprechende Angriffsfläche bieten. Die durch vermehrten Alkoholgenuss herabgesetzte Hemmschwelle führte bei den als "normal" geltenden BürgerInnen in den letzten Jahren zu verstärkter "Offenheit" - permanente Äußerungen rechter und sexistischer Positionen waren die Folge. Der Bierdunst lässt die Zungen der sich bedrängt fühlenden Deutschen locker werden und - je später der Abend - vermehrt deren Fäuste. Betroffen von Angriffen und Pöbeleien sind meist als "nicht-deutsch" Klassifizierte, alternative Jugendliche, Homosexuelle, Obdachlose und Frauen. Offen auftretende Nazi-Cliquen gehen auf in der Männermasse, welche die "Biermeile" dominiert und durch sexistische Sprüche, aggressive Anmachversuche und abwertende Witze ein (frauen)feindliches Klima schafft. Die Präsenz von Neonazis, rechte Verhaltensweisen und Denkmuster werden vom Großteil des Publikums der "Biermeile" mitgetragen bzw. toleriert. Auch die bereitgestellte Polizei, die die Eskalation des Festes vermeiden soll, trägt nicht zur Beruhigung bei. Im Gegenteil. Vor zwei Jahren wurden Beamte selbst zu fremdenfeindlichen Aggressoren, indem sie einen Schwarzafrikaner am Rande des Bierfestes beleidigten, tätlich angriffen und verletzten.
Um zu verhindern, dass es auch in diesem Jahr wieder zu Übergriffen kommt, findet am 7. August ab 16 Uhr in unmittelbarer Nähe zur "Biermeile" eine Kundgebung statt. Damit wollen wir unseren Protest gegen die Nichtthematisierung und Bestreiten dieser Zustände zum Ausdruck bringen, die bisher nicht für die breite Öffentlichkeit, sondern nur für die potentiellen Opfergruppen wahrnehmbar waren.

Auch wir wollen feiern - Unser Spass sieht anders aus!

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